Lexikon·Digitaler Zwilling in der Produktion
Digital Engineering
Digital Engineering bezeichnet die systematische Nutzung verknüpfter digitaler Daten, Modelle und Werkzeuge für technische Entwicklungs- und Planungsaufgaben. Anforderungen, Entwürfe, Berechnungen und Prüfungen werden so organisiert, dass sie über Fachdisziplinen und Lebensphasen hinweg zusammenpassen. In der Produktion betrifft dies sowohl Produkte als auch Maschinen, Anlagen und Fertigungsprozesse.
Was verändert Digital Engineering?
Digitale Werkzeuge sind in vielen Engineering-Bereichen seit Langem üblich. Entscheidend ist jedoch, ob ihre Ergebnisse verbunden und nachvollziehbar weiterverwendet werden. Eine CAD-Datei, eine separate Berechnung und eine manuell gepflegte Prüfliste können digital sein und trotzdem widersprüchliche Stände enthalten.
Digital Engineering betrachtet deshalb den Zusammenhang der Arbeitsprodukte. Welche Anforderung liegt einer Auslegung zugrunde? Welcher Modellstand wurde berechnet? Welche Prüfung bestätigt die vorgesehene Funktion? Diese Beziehungen sollen auch bei Änderungen erkennbar bleiben.
Modellbasierte Ansätze spielen dabei eine wichtige Rolle. Das NIST beschreibt im Kontext des Model-Based Enterprise die Nutzung digitaler Modelle über Entwicklung, Fertigung und Unterstützung im Lebenszyklus. Digital Engineering kann solche Ansätze einschließen, ist aber kein einzelnes Softwareprodukt mit einem überall identischen Funktionsumfang.
Typische Arbeitsbereiche
| Arbeitsbereich | Digitales Arbeitsprodukt | Wichtiger Zusammenhang |
|---|---|---|
| Anforderungen | Strukturierte Anforderungen und Kriterien | Zu Entwurf und Nachweis |
| Konstruktion | Geometrie und Produktstruktur | Zu Varianten und freigegebenem Stand |
| Berechnung | Analysemodell und Ergebnis | Zu Eingaben und Annahmen |
| Automatisierung | Funktionsbeschreibung und Steuerungslogik | Zum Anlagenverhalten |
| Produktionsplanung | Ablauf-, Layout- oder Ressourcenmodell | Zum vorgesehenen Produktionsfall |
| Prüfung | Testfall und Ergebnis | Zur geprüften Anforderung |
Die geeignete Modellierung hängt von der Aufgabe ab. Für eine Kollisionsprüfung werden andere Informationen benötigt als für eine thermische Berechnung oder eine Ablaufuntersuchung. Ein einziges Modell bildet nicht automatisch jeden relevanten Aspekt ausreichend ab.
Modelle brauchen einen klaren Zweck
Ein Modell vereinfacht die Wirklichkeit. Diese Vereinfachung kann zweckmäßig sein, solange ihre Grenzen bekannt sind. Eine Geometrieprüfung kann beispielsweise räumliche Konflikte erkennen, beantwortet aber nicht automatisch Fragen zur Dauerhaltbarkeit oder zur tatsächlichen Fertigungsstreuung.
Für jede Analyse sollten Eingaben, Annahmen und Gültigkeitsbereich nachvollziehbar sein. Ergebnisse müssen dem verwendeten Modellstand zugeordnet werden. Wird später ein Bauteil verändert, ist zu prüfen, ob die frühere Berechnung weiterhin anwendbar ist.
Die Qualität einer anschaulichen Darstellung sagt wenig über die fachliche Belastbarkeit aus. Ein realistisch wirkendes Modell kann wichtige Randbedingungen auslassen. Die Bewertung muss deshalb auf der Aufgabe und den geprüften Annahmen beruhen.
Praxisbeispiel: Eine Montagevorrichtung entwickeln
Das folgende Beispiel ist fiktiv. Ein Betrieb entwickelt eine Vorrichtung für zwei Produktvarianten. Als Anforderungen werden unter anderem Zugänglichkeit, Positionierung und der vorgesehene Montageablauf beschrieben. Die Konstruktion erstellt einen ersten Entwurf und ordnet die relevanten Anforderungen den vorgesehenen Lösungen zu.
Eine digitale Untersuchung zeigt, dass ein Werkzeug bei einer Variante nur eingeschränkt zugänglich ist. Der Entwurf wird angepasst. Gleichzeitig wird geprüft, ob die Änderung andere Anforderungen beeinflusst. Das überarbeitete Modell erhält einen nachvollziehbaren Stand, der für die nächste Prüfung verwendet wird.
Vor der Fertigung werden ausgewählte Funktionen an einem vereinfachten Aufbau erprobt. Die Ergebnisse werden mit dem jeweiligen Entwurf verknüpft. Nach dem realen Aufbau zeigt sich ein zusätzlicher Handhabungsaspekt, den das Modell nicht ausreichend beschrieben hatte. Diese Erkenntnis fließt in die nächste Änderung ein.
Der Nutzen entsteht hier aus der geordneten Verbindung von Anforderungen, Entwurf und Prüfung. Das Beispiel behauptet nicht, dass sämtliche Probleme vorab digital erkannt werden. Physische Erprobung und fachliche Erfahrung bleiben dort erforderlich, wo die digitalen Modelle keine ausreichende Aussage liefern.
Zusammenarbeit und Änderungsmanagement
Engineering-Aufgaben werden häufig von mehreren Disziplinen bearbeitet. Mechanik, Elektrotechnik und Automatisierung verwenden unterschiedliche Modelle und Begriffe. Gemeinsam benötigte Schnittstellen müssen deshalb ausdrücklich abgestimmt werden, etwa Bauraum, Anschlüsse und Funktionsannahmen.
Eine Änderung kann mehrere Arbeitsprodukte betreffen. Wird ein Antrieb ersetzt, können Geometrie, elektrische Auslegung und Steuerungsparameter überprüft werden müssen. Die Beziehungen zwischen diesen Informationen helfen, betroffene Bereiche zu erkennen. Sie nehmen dem Team die fachliche Bewertung jedoch nicht ab.
PDM und PLM können Daten, Stände und Abläufe unterstützen. Entscheidend ist, dass die verwendeten Prozesse zur tatsächlichen Zusammenarbeit passen. Ein formaler Freigabestatus ist nur dann hilfreich, wenn die zugrunde liegenden Prüfungen klar definiert sind.
Verbindung zur Produktion
Engineering-Ergebnisse müssen in der Fertigung nutzbar sein. Dazu gehören beispielsweise eindeutige Produktstände, geeignete Arbeitsinformationen und nachvollziehbare Prüfmerkmale. Die Übergabe sollte berücksichtigen, dass die Sicht der Konstruktion nicht immer der Struktur des Fertigungsablaufs entspricht.
Rückmeldungen aus der Produktion können wiederum die Entwicklung verbessern. Werden Montageprobleme oder wiederkehrende Abweichungen dem richtigen Produktstand zugeordnet, lassen sich Änderungen gezielter bewerten. Ohne diese Zuordnung können Erfahrungen aus unterschiedlichen Ausführungen vermischt werden.
Der Digital Thread unterstützt den Zusammenhang solcher Informationen über Lebensphasen hinweg. Eine durchgängige Verknüpfung ist dabei ein Mittel zur besseren Nachvollziehbarkeit, kein Selbstzweck.
Abgrenzung zu CAD, digitalem Zwilling und virtueller Inbetriebnahme
CAD unterstützt die rechnergestützte Konstruktion und ist ein möglicher Bestandteil des Digital Engineering. Der übergreifende Ansatz umfasst zusätzlich die Beziehungen zu Anforderungen, Berechnungen, Prüfungen und weiteren Prozessen. Ein isoliertes 3D-Modell deckt diese Zusammenhänge nicht automatisch ab.
Ein digitaler Zwilling kann für bestimmte Aufgaben im Engineering genutzt werden. Sein Bezug zu einem realen oder vorgesehenen Gegenstand und seine Aussagegrenzen müssen klar sein. Digital Engineering umfasst außerdem Tätigkeiten, für die kein vollständiger Zwilling erforderlich ist.
Die virtuelle Inbetriebnahme ist ein spezieller Anwendungsfall, bei dem beispielsweise Steuerungsverhalten an einem Anlagenmodell geprüft wird. Sie kann Probleme früh sichtbar machen, ersetzt jedoch nicht automatisch sämtliche Prüfungen an der realen Anlage.
Einführung im Unternehmen
- Problem auswählen: Beispielsweise widersprüchliche Stände oder aufwendige Übergaben.
- Informationsweg beschreiben: Entstehung, Änderung und Verwendung verfolgen.
- Modelle zweckbezogen wählen: Benötigte Aussagen und Grenzen festlegen.
- Schnittstellen abstimmen: Kennungen, Formate und fachliche Bedeutung vereinbaren.
- Pilot prüfen: Einen Entwurf einschließlich Änderung und Nachweis durchspielen.
- Erfahrungen auswerten: Aufwand, Fehler und Nutzbarkeit im Arbeitsablauf bewerten.
Die Interoperabilität der Werkzeuge sollte anhand realer Arbeitsprodukte geprüft werden. Ein erfolgreicher Dateiexport belegt noch nicht, dass alle benötigten Informationen beim Empfänger richtig ankommen. Ebenso müssen Mitarbeitende die Grenzen der eingesetzten Modelle kennen.
Häufige Fragen zu Digital Engineering
Ist Digital Engineering dasselbe wie digitales Zeichnen?
Nein. Digitale Zeichnungen und Modelle können Bestandteile sein. Der Ansatz betrachtet darüber hinaus ihre Beziehungen zu Anforderungen, Berechnungen, Prüfungen und weiteren Lebensphasen. Entscheidend ist, ob Informationen nachvollziehbar weiterverwendet werden. Eine Sammlung digitaler Dateien kann weiterhin Medienbrüche, unklare Stände und widersprüchliche Angaben enthalten.
Ersetzt Digital Engineering physische Prototypen?
Es kann den Bedarf und die Gestaltung von Erprobungen beeinflussen, ersetzt sie aber nicht grundsätzlich. Welche Aussagen digital ausreichend belastbar sind, hängt vom Modell und der Aufgabe ab. Physische Tests bleiben wichtig, wenn relevante Effekte unzureichend modelliert sind oder ein Nachweis am realen Gegenstand benötigt wird.
Muss jedes Modell möglichst detailliert sein?
Nein. Der erforderliche Detailgrad ergibt sich aus der Fragestellung. Unnötige Details können Aufwand und Rechenzeit erhöhen, ohne die Entscheidung zu verbessern. Ein vereinfachtes Modell kann geeignet sein, wenn seine Annahmen passen. Entscheidend ist die nachgewiesene Eignung für den Zweck und nicht die optische oder technische Komplexität.
Wie werden Änderungen nachvollziehbar?
Arbeitsprodukte benötigen eindeutige Stände und Beziehungen zu ihren Eingaben, Anforderungen und Prüfungen. Bei einer Änderung wird bewertet, welche abhängigen Ergebnisse weiterhin gelten. Eine Versionsnummer allein reicht dafür nicht aus. Zusätzlich müssen Zuständigkeiten und fachliche Freigaben geregelt sein, damit veraltete Ergebnisse nicht unbemerkt weiterverwendet werden.
Woran lässt sich ein sinnvoller Nutzen erkennen?
Geeignete Kriterien beziehen sich auf das Ausgangsproblem, beispielsweise weniger Rückfragen zu Ständen oder frühere Erkennung bestimmter Schnittstellenprobleme. Auch zusätzlicher Modellierungs- und Pflegeaufwand ist zu berücksichtigen. Eine höhere Anzahl digitaler Modelle ist kein ausreichender Erfolgsnachweis. Maßgeblich ist, ob die technische Arbeit verlässlicher und zweckmäßiger wird.
Verwandte Begriffe
Quellen und weiterführende Informationen
- NIST: Model-Based Enterprise Program, Zusammenhang digitaler Modelle und Engineering-Informationen.
- PTC: Digital Engineering, Herstellerperspektive auf CAD, Analyse und Lebenszyklusmanagement.
Stand: Oktober 2026. Das Vorrichtungsbeispiel ist fiktiv.



