Produktionsstrategie
Eine Produktionsstrategie legt fest, welchen Beitrag die Produktion zur Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens leisten soll und wie ihre Fähigkeiten langfristig entwickelt werden. Sie verbindet Markt- und Produktanforderungen mit Entscheidungen über Fertigungstiefe, Technologien, Kapazitäten, Standorte und Organisation. Damit schafft sie einen verbindlichen Rahmen für Investitionen und Verbesserungen.
Welche Fragen beantwortet eine Produktionsstrategie?
Ein Unternehmen kann sich über niedrige Kosten, kurze Lieferzeiten, besondere Qualität oder kundenspezifische Lösungen positionieren. Diese Anforderungen führen nicht automatisch zum gleichen Produktionssystem. Eine hoch spezialisierte Linie für große, stabile Mengen hat andere Eigenschaften als eine flexibel umrüstbare Fertigung für wechselnde Varianten. Die Strategie klärt, welche Fähigkeiten vorrangig benötigt werden und welche Einschränkungen akzeptabel sind.
Eine wirksame Produktionsstrategie beschreibt deshalb mehr als den Wunsch, gleichzeitig schneller, günstiger und flexibler zu werden. Sie legt Prioritäten fest, benennt Zielkonflikte und erklärt, welche Entscheidungen daraus folgen. Fraunhofer IPA beschreibt die Ableitung eines Produktionszielbilds aus Marktanforderungen und Produktstrategie sowie die Auswahl dazu passender Technologien und Handlungsfelder.
Produktionsstrategie von Planung und Verbesserung abgrenzen
| Aufgabe | Leitfrage | Typisches Ergebnis |
|---|---|---|
| Produktionsstrategie | Welche Fähigkeiten und Strukturen benötigen wir? | Zielbild und begründete Entwicklungsentscheidungen |
| Investitionsplanung | Welche Vorhaben werden wann finanziert? | Priorisierte Projekte und Budgets |
| Operative Produktionsplanung | Welche Aufträge bearbeiten wir mit welchen Ressourcen? | Termin- und Belegungsplan |
| Produktionssteuerung | Wie setzen wir den Plan unter aktuellen Bedingungen um? | Freigaben und Reaktionen auf Abweichungen |
| Kontinuierliche Verbesserung | Wie verbessern wir bestehende Abläufe? | Erprobte Prozessänderungen |
Die Ebenen beeinflussen einander. Wenn die operative Planung regelmäßig an einem strukturellen Kapazitätsproblem scheitert, kann dies eine strategische Neubewertung auslösen. Umgekehrt sollte eine Strategie nicht jede Reihenfolgeentscheidung vorgeben. Sie definiert die Leitplanken, innerhalb derer das PPS arbeitet.
Zentrale Entscheidungsfelder
Leistungsversprechen und Produktportfolio
Am Anfang stehen die Anforderungen der bedienten Kundengruppen. Welche Lieferfristen, Qualitätsmerkmale, Varianten und Mengen müssen wirtschaftlich angeboten werden? Häufig ist eine Betrachtung nach Produktfamilien sinnvoll. Ein Ersatzteil mit unregelmäßiger Nachfrage kann eine andere Bereitstellungslogik benötigen als ein dauerhaft laufendes Serienprodukt. Eine einzige Lösung für das gesamte Portfolio kann deshalb unnötige Konflikte erzeugen.
Fertigungstiefe und Kompetenzen
Die Fertigungstiefe bestimmt, welche Wertschöpfungsschritte intern erfolgen. Eine Make-or-Buy-Entscheidung sollte neben Kosten auch Wissen, Qualität, Abhängigkeiten und die Fähigkeit zur Weiterentwicklung berücksichtigen. Wird ein kritischer Prozess ausgelagert, kann seine spätere Rückübernahme Zeit, Personalaufbau und neue Qualifikationen erfordern.
Technologien und Automatisierung
Die passende Technik ergibt sich aus dem Produktionsauftrag. Automatisierung kann bei wiederkehrenden, beherrschten Abläufen hilfreich sein. Hohe Variantenwechsel oder unsichere Produktentwicklungen können dagegen andere Anforderungen an Anpassbarkeit und Investitionsumfang stellen. Der Automatisierungsgrad ist somit eine Gestaltungsentscheidung und kein allgemeiner Erfolgsmaßstab.
Kapazitäten, Standorte und Organisation
Kapazität umfasst nicht nur Maschinenstunden. Qualifiziertes Personal, Werkzeuge, Prüfmittel und Materialversorgung müssen zusammenpassen. Bei mehreren Werken ist außerdem festzulegen, welche Aufgaben welcher Standort übernimmt. Organisation und Verantwortlichkeiten müssen diese Aufteilung unterstützen. Eine Technologieentscheidung ohne Schulung, Instandhaltung und Prozessverantwortung bleibt unvollständig.
Produktionsstrategie entwickeln
- Anforderungen ermitteln: Nachfrage, Lieferanforderungen, Produktentwicklung und relevante Rahmenbedingungen aufnehmen.
- Ausgangslage prüfen: vorhandene Fähigkeiten, Engpässe, Kostenstrukturen und Abhängigkeiten erfassen.
- Ziele konkretisieren: messbare Ergebnisse und Prioritäten für abgegrenzte Produktfamilien festlegen.
- Alternativen gestalten: verschiedene Produktionskonzepte mit ihren Konsequenzen beschreiben.
- Szenarien bewerten: Auswirkungen veränderter Mengen, Kosten, Technologien oder Lieferbedingungen untersuchen.
- Entscheidungen verbinden: Investitionen, Personalentwicklung, Lieferanten und Organisation aufeinander abstimmen.
- Umsetzung steuern: Verantwortliche, Termine, Ressourcen und Überprüfungspunkte festlegen.
Die Alternativen sollten auf gemeinsamen Annahmen beruhen. Wird eine automatisierte Lösung mit einer hohen Jahresmenge kalkuliert, eine manuelle Alternative aber mit einer niedrigen, ist der Vergleich verzerrt. Ebenso gehören Anlaufaufwand und Übergangsrisiken in die Bewertung. Der spätere Zielzustand ist nur erreichbar, wenn der Weg dorthin unter laufender Versorgung funktioniert.
Praxisbeispiel: zwei Produktfamilien, unterschiedliche Anforderungen
Ein fiktiver Hersteller produziert Standardgehäuse und kundenspezifische Halterungen. Für die Standardgehäuse erwartet er relativ gleichmäßige Mengen. Die Halterungen wechseln dagegen häufig in Geometrie und Losgröße. Bisher laufen beide Familien über dieselben Maschinen, sodass Variantenwechsel die Serienfertigung unterbrechen.
Eine mögliche Strategie besteht darin, die stabile Familie in einer stärker spezialisierten Prozesskette zu fertigen und für die wechselnden Aufträge eine flexible Zelle vorzusehen. Eine andere Möglichkeit wäre, gemeinsame Anlagen zu behalten und Rüstabläufe sowie Auftragsbündelung zu verbessern. Beide Varianten werden für dieselben Nachfrageannahmen geprüft.
Zur vereinfachten Illustration verursacht Alternative A jährlich 200.000 Euro fixe und 8 Euro variable Kosten je Stück. Alternative B verursacht 80.000 Euro fixe und 12 Euro variable Kosten je Stück. Die Kosten sind bei 30.000 Stück gleich: 200.000 + 8 × 30.000 = 440.000 Euro und 80.000 + 12 × 30.000 = 440.000 Euro. Oberhalb dieser Menge ist A innerhalb dieses vereinfachten Modells kostengünstiger, darunter B.
Diese Schwelle entscheidet die Strategie nicht allein. Die Rechnung unterstellt gleiche Qualität, ausreichende Kapazität und konstante variable Kosten. Sie berücksichtigt weder Kapitalwert noch Lieferflexibilität oder einen späteren Produktwechsel. Sie zeigt lediglich, wie stark eine Wahl von der Menge abhängen kann. Ein tragfähiger Beschluss verbindet die Kostenbetrachtung mit den übrigen Anforderungen.
Ziele und Umsetzung nachvollziehbar machen
Geeignete Produktionskennzahlen hängen vom strategischen Schwerpunkt ab. Bei kurzen Lieferzeiten sind beispielsweise Durchlaufzeit und zuverlässige Auftragserfüllung relevant. Bei hoher Variantenfähigkeit können Umstellaufwand und die Zahl beherrschter Produktkonfigurationen wichtiger sein. Eine einzelne Kennzahl wie Auslastung kann widersprüchliche Anreize erzeugen, wenn dafür unnötige Bestände aufgebaut werden.
Für jedes Vorhaben sollten der erwartete Beitrag, eine verantwortliche Person und überprüfbare Zwischenziele feststehen. Ein Meilenstein kann beispielsweise die nachgewiesene Beherrschung eines neuen Fertigungsverfahrens sein. Die bloße Bestellung einer Maschine belegt diesen Fortschritt noch nicht. Regelmäßige Überprüfungen verbinden Umsetzungsergebnisse mit aktualisierten Marktannahmen.
Typische Fehler und Zielkonflikte
- Technik als Ausgangspunkt: Eine verfügbare Anlage bestimmt die Richtung, bevor die Produktionsanforderung geklärt ist.
- Unvereinbare Ziele: Maximale Auslastung, minimale Bestände und sofortige Reaktion werden ohne Prioritäten gleichzeitig verlangt.
- Ein einziges Zukunftsbild: Investitionen werden nur bei einer Nachfrageprognose bewertet.
- Fehlende Umsetzungskapazität: Zu viele Projekte konkurrieren um dieselben Fachkräfte.
- Lokale Verbesserung ohne Gesamtwirkung: Ein Bereich steigert seine Leistung, während der tatsächliche Engpass unverändert bleibt.
Eine Produktionsstrategie ist weder unveränderlich noch beliebig. Annahmen sollten dokumentiert werden, damit ihre Veränderung erkennbar ist. Wesentliche Abweichungen können eine Anpassung rechtfertigen. Häufige Richtungswechsel ohne nachvollziehbaren Anlass erschweren dagegen Kompetenzaufbau und verlässliche Investitionsentscheidungen.
Häufige Fragen zur Produktionsstrategie
Wer ist für die Produktionsstrategie verantwortlich?
Die Verantwortung liegt typischerweise bei der Unternehmens- und Produktionsführung. Die Erarbeitung benötigt jedoch Beiträge aus Vertrieb, Produktentwicklung, Einkauf, Controlling, Personal und den betroffenen Werken. Nur gemeinsam lassen sich Marktanforderungen, technische Möglichkeiten und finanzielle Grenzen verbinden. Entscheidungsbefugnisse und Verantwortung für die Umsetzung sollten ausdrücklich festgelegt sein.
Welchen Zeithorizont hat eine Produktionsstrategie?
Es gibt keinen für alle Unternehmen passenden Zeitraum. Der Horizont muss zu Produktlebenszyklen, Investitionsbindung und dem Aufbau benötigter Fähigkeiten passen. Langfristige Strukturentscheidungen können mit näheren Umsetzungsschritten verbunden werden. Zusätzlich sind überprüfbare Annahmen und Anlässe sinnvoll, bei denen die Strategie aktualisiert wird.
Ist Automatisierung immer Teil einer Produktionsstrategie?
Die Prüfung technischer Möglichkeiten ist häufig relevant, eine Erhöhung des Automatisierungsgrads jedoch kein zwingendes Ziel. Abhängig von Mengen, Varianten und Veränderungen können manuelle, teilautomatisierte oder vollautomatisierte Abläufe sinnvoll sein. Entscheidend ist ihr Beitrag zum benötigten Leistungsprofil einschließlich Qualität, Anpassbarkeit, Kosten und beherrschbarem Betrieb.
Wie unterscheidet sich Produktionsstrategie von Lean Production?
Produktionsstrategie bestimmt die langfristige Ausrichtung und zentrale Strukturentscheidungen. Lean Production beschreibt Prinzipien zur kundenorientierten Gestaltung und Verbesserung von Abläufen. Lean kann ein wichtiger Bestandteil der Umsetzung sein. Es ersetzt jedoch nicht die Entscheidung, welche Produkte, Standorte, Technologien und Fähigkeiten ein Unternehmen zukünftig benötigt.
Wie lässt sich der Erfolg einer Produktionsstrategie messen?
Erfolg wird an den zuvor festgelegten Zielen und ihren tatsächlichen Auswirkungen beurteilt. Dazu gehören je nach Schwerpunkt Kosten, Qualität, Lieferleistung oder Veränderungsfähigkeit. Zusätzlich ist zu prüfen, ob die erwarteten Fähigkeiten aufgebaut wurden. Einzelne Projektabschlüsse oder hohe Investitionssummen sind für sich genommen kein Nachweis einer erfolgreichen Strategie.
Verwandte Begriffe
Quellen und weiterführende Informationen
- Fraunhofer IPA: Smarte Produktion – Zielbild, Produktanforderungen und technologiebezogene Strategieentwicklung.
- Fraunhofer IPA: Zukunftsfähige Fabrikplanung beginnt mit klaren Zielen – Zielfestlegung und Bewertungskriterien.
Stand: Oktober 2026. Unternehmen und Zahlen des Beispiels sind fiktiv.



